Morgen ist Reutlinger Nationalfeiertag: der Mutscheltag!


Heute stelle ich Euch eine Besonderheit aus meiner Heimatstadt Reutlingen vor: 
die Mutschel und den dazugehörigen „Nationalfeiertag“, den Mutscheltag, der dieses Jahr am 12.01.2012 stattfindet.
Dazu gibt es alles zur Geschichte, den Spielen und natürlich auch ein Mutschelrezept!
In letzter Zeit kommt es immer wieder vor, dass mich Kollegen in Stuttgart erstaunt fragen, was ich esse… auf die Antwort „eine Mutschel“ ernte ich meist so erstaunte Gesichter, als hätte ich von frittierten Maden gesprochen.
Scheinbar ist „die Mutschel“ außerhalb von Reutlingen völlig unbekannt. Schade, denn nirgendwo lassen sich Backkunst und legales Glücksspiel so schön vereinen…
Ein bisschen Geschichte:
Bereits seit dem 13. Jahrhundert dreht sich eine Woche nach dem „Öbersten“ (Dreikönigstag) alles um die Mutschel (Sterngebäck). Am 12. Januar wird in Reutlinger Gaststätten wieder gespielt was das Zeug hält, und zwar um Teile oder ganze Mutscheln. Ganz nach dem Motto: „Das Fest ist halt eine Allmachts-Kugelfuhr! Koi Wonder guckt koi Mensch au no E gotzigsmol uf d’Ur“ (Übersetzungen gerne per Mail 😉
Das obenstehende Exemplar ist eine kleine, handliche Ausgabe. Es gibt Mutscheln in der Größe von Wagenrädern, um die gespielt werden – und die Tage davor werden in Reutlinger Bäckereien diese Mürbteigleckereien in Handarbeit hergestellt.
Die echte Mutschel:
Besteht aus mürbem Hefeteig. Hat im Original 8 Zacken („Zinken“), über denen sich ein geflochtener Kranz (Zopf legt). Weshalb 8 Zinken, darüber streitet man sich immer noch…8 Zacken für 8 Stadtteile etc. … (siehe auch Film, Link ganz unten!).
Ganz oben thront eine würfelformige Erhebung – unser Hausberg, die „Achalm„.
Wenn ich sie nicht selbst mache (siehe unten), kommt mein Mutschelfavorit von der Bäckerei Berger (und wird für Shopping-Kenner sogar von der Bäckerei Veit am Metzinger Bahnhof verkauft).
Mit der Verkaufszeit nimmt man es nicht mehr so genau, wie zu Zeiten der Freien Reichsstadt, als um die Mutscheln geschossen wurde. Es gibt sie mindestens 4 Wochen vor und nach dem Mutscheltag.
Die Spiele:
Gespielt wird mit mit 2 oder 3 Würfeln und einem Wüfelbecher. Und nein, man kann sich wirklich nicht über unoriginelle Spielbezeichnungen beklagen…
  • Pasch
  • Einundzwanzig 
  • Kleine Hausnummer
  • Große Hausnummer
  • Langer Entenschiß
  • Einsame Filzlaus
  • Der Wächter bläst vom Turme
  • Kirchenfenster
  • Nackert’s Luisle
  • Haar im Loch
Einige der Spielanleitungen kann man hier und hier nachlesen! Die Mutschel ist sogar im Reutlinger Schul-Lehrplan angekommen 😉

Mutscheln hausgemacht:
Für 1 riesige oder 4 kleinere Mutscheln aus folgenden Zutaten einen Hefeteig zubereiten
  • 1 kg Mehl
  • 500 ml Milch
  • 150 g Butter
  • 15 g Salz
  • 10 g Zucker
  • 80 g Hefe
Den Teig ca. 1 h Stunde gehen lassen, bis er ordentlich aufgegangen ist.
Teig nochmals durchkneten – er muss ziemlich fest sein, so dass er sich gut verarbeiten lässt.
Für die große Mutschel ca. 1/6 des Teiges beiseite legen, damit werden später die Verzierungen gemacht.
Aus dem restlichen Teig eine Kugel formen und platt drücken. Sternförmig in den äußeren Ring 8 Teile einritzen. In der Mitte muss ein kleiner Kreis stehen bleiben. Diesen mit Hilfe von Messer in eine eckige Form bringen (soll am Ende wie ein kleiner Quader aussehen).
Die eingeritzten Teile sternförmig rausziehen und der „eckige Buckel“ in der Mitte bleibt stehen. Aus dem Teigrest einen Zopf formen und um den „Buckel“ legen. Oder einfach eine „Schlange“, wer es schnörkellos mag.
Falls notwendig „Buckel“ etwas rausarbeiten. Er muss zwingend viereckig sein.
Die große Mutschel darf dann auf jeder „Zacke“ nochmals mit verschiedenen Formen (Zöpfen etc.) verziert werden.
Mutschel nochmals 30 Minuten gehen lassen – mit Eigelb bestreichen.
Im vorgeheizten Ofen bei 200 Grad ca. 20 Minuten backen (die kleinen Exemplare entsprechend kürzer).
Mit diesem Rezept fahre ich immer prima!
Und hier gibt’s noch ein tolles Video – mit Anleitung zum Mutschel formen… leider ohne Untertitel 😉

Viel Spass beim Mutscheln!

5 Comments

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  1. Barbara

    Ich bin ja in der Nähe (naja, 1 Std. Fahrt knapp) aufgewachsen und bin gerne in RT, die Achalm ist schön, usw. – und… ich kenne die Mutscheln auch nicht.

    Danke für die Aufklärung, wieder was gelernt. 🙂

  2. Petra aka Cascabel

    In meiner Jugend (Tübingen ist ja nicht soooo weit) habe ich die Mutscheln nie kennengelernt. Inzwischen bekomme ich aber jedes Jahr eine Einladung der Ehemaligen meines (Wildermuth-)Gymnasiums, die einen Mutschelabend veranstalten – die Kunde scheint doch nach draußen gedrungen zu sein 😉

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